Kunst am Bau

Blick in den Innenhof mit den beiden PavillonsBlick in den Innenhof mit den beiden Pavillons

Grußwort

Gerrit Große, Vizepräsidentin des Landtages Brandenburg und Mitglied der Jury

Landtagsvizepräsidentin Gerrit GroßeGerrit GroßeSehr geehrte Besucherinnen
und Besucher,

mit der Fertigstellung des Siegerentwurfs des Wettbewerbs Kunst am Bau im Innenhof des Landtages ist nun der Schlusspunkt aller Bautätigkeiten gesetzt.

Der 1. Preisträger, Florian Dombois, hat uns mit seiner Zugabe ein Kunstwerk übergeben, das sich in überzeugender Weise mit der Entscheidung auseinandersetzt, den historischen Nachbau des ehemaligen Potsdamer Stadtschlosses mit einem funktionalen und modernen Innenleben zu füllen. Die beiden Pavillons haben sich schon jetzt zu Anziehungspunkten entwickelt, die zum Näherkommen einladen, berührt, begangen und vielfach fotografiert werden.

Auch für die 2. Preisträgerin, Annette Paul, war die Auseinandersetzung mit dem historischen Außen und dem modernen Innen der Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. Daraus entstanden ist der goldene Schriftzug Ceci n’est pas un château. (Dies ist kein Schloss.), der bereits seit Oktober 2013 am Westflügel des Gebäudes angebracht ist.

Beide Kunstwerke prägen nun das neue Landtagsgebäude und die darin stattfindende parlamentarische Arbeit in
ihrer ganz eigenen Weise mit.

Mein herzlicher Dank gilt den Mitgliedern der Jury, die mit Sachkunde und großem Engagement den Wettbewerb begleitet haben.

Vom Sein und Schein - Das Schloss, der Landtag und die Kunst

Leonie Baumann, Rektorin Kunsthochschule
Berlin Weißensee und Vorsitzende des Preisgerichts Wettbewerb Kunst am Bau

Vorsitzende des Preisgerichts Wettbewerb Kunst am Bau Leonie BaumannLeonie BaumannDer Wunsch der Jury, den Entwurf von Florian Dombois im Innenhof des Landtages zu realisieren,
und für die Idee von Annette Paul einen Alternativstandort zu finden, ist in Erfüllung gegangen. Beide Entwürfe, die die Künstler im Rahmen des Wettbewerbs Kunst am Bau für den Neubau Landtag Brandenburg eingereicht haben, gehören nun zum Ort dazu und werden sich dem Urteil der Betrachterinnen und Betrachter stellen.

Bereits bei der Vorstellung der Ergebnisse des Kunstwettbewerbs im Sommer 2012 fielen die Reaktionen der Öffentlichkeit unterschiedlich aus. Weil die Ansichten über Kunst – insbesondere bei zeitgenössischen Positionen – in der Regel auseinander gehen, gehören zur guten Tradition von Entscheidungsprozessen bei Kunst im öffentlichen Raum Preisgerichte, denen zahlreiche Mitglieder ganz unterschiedlicher Professionen angehören. Alle sind Bürgerinnen und Bürger und beraten aus einem künstlerischen, kunsthistorischen, politischen, architektonischen sowie einem Nutzer-Blickwinkel. In der Regel werden alle Entwürfe viele Stunden besprochen, um herauszukristallisieren, was die beste Lösung für die gestellte Aufgabe sein könnte. Alle Diskussionen um künstlerische Qualität, Standort und Perspektiven sind eine intensive Auseinandersetzung der unterschiedlichsten Sichtweisen und Interessen. Im Laufe der gemeinschaftlichen Meinungsbildung werden viele positive und kritische Anmerkungen ausgetauscht, sodass auf diese Weise die vielfältigen Reaktionen eines späteren Publikums exemplarisch vorweggenommen werden. Allerdings mit dem großen und fundamentalen Unterschied, dass spätere Betrachterinnen und Betrachter selten die Möglichkeit nutzen, sich vergleichbar intensiv mit Vor- und Nachteilen jeder Arbeit auseinanderzusetzen und oft nach kurzer Zeit auf der Grundlage eines schnellen Blicks eine Meinung haben.

In diesem Verfahren haben mehrere Verfahrensstufen und lange gemeinsame, streckenweise durchaus kontroverse
Verhandlungen zu einem Ergebnis geführt, das von einer großen Mehrheit des Preisgerichts getragen wurde. Interessanterweise verweisen beide Künstler intelligent auf die Tatsache, dass es sich um den Neubau eines Schlosses handelt. Ohne auf die heftige und kontroverse Debatte einzugehen, die die Entscheidung und auch den Neubau begleiteten, lässt sich feststellen, dass die künstlerischen Arbeiten im Kontext dieser zu Potsdam gehörenden Entwicklungsgeschichte betrachtet werden sollten. Sie haben beide das Bisherige reflektiert, eine zeitgenössische Idee daraus entwickelt und könnten daher ein hoffnungsvolles Bindeglied zwischen Vergangenem und Zukünftigem an diesem Ort werden.

Der Schriftzug von Annette Paul – „Ceci n’est pas un château.“ (Dieses ist kein Schloss.) –, der bereits seit Herbst 2013 an der Außenfassade des Neubaus prangt, verweist erkennbar auf das berühmte Gemälde von René Magritte, das er 1929 schuf und das eine Pfeife abbildet mit dem Untertitel „Ceci n’est pas une pipe“ (Dieses ist keine Pfeife). Wenige werden sich jedoch an den eigentlichen Titel erinnern, den der belgische Maler seinem Werk gab: „La trahison des images“ (Der Verrat der Bilder). Seine frühe Warnung gilt bis heute, denn wie oft wird das abgebildete Motiv mit dem eigentlichen Inhalt verwechselt. Die kleine in goldenen Lettern leuchtende Intervention der Potsdamer Künstlerin ist also keine Ironisierung, wie gemutmaßt wurde, oder eine Diskreditierung derjenigen, die sich für die Wiedererrichtung des Schlosses engagiert haben, sondern eher eine nüchterne Anmerkung, sich nicht auf den ersten Schein zu verlassen. Hier nicht und auch nicht woanders! Schließlich birgt die historisch anmutende Fassade ein komplettes, den zeitgemäßen Anforderungen entsprechendes, neues Raumprogramm. Hier wohnt kein Adelsgeschlecht mehr, aber es ist auch keine „Schloss“besichtigung als Touristenattraktion möglich, denn hier wird gearbeitet und werden die politischen Entscheidungen für das Land getroffen.

Die beiden Pavillons von Florian Dombois, die nun im Innenhof des Landtages stehen, sind eine „Zugabe“, wie er seinen Entwurf betitelte. Er hat mit den beiden, unterschiedlich großen Konstruktionen die doppelte Illusion des Zentralovals von Schloss Sanssouci geschaffen, als zusätzliche luxuriöse Gabe zum Schlossneubau. Die Vision eines Raumes entsteht durch das Kreuzen zweier flächiger Darstellungen, die nur von bestimmten Standorten die Perfektion des Bildes konstruieren, bewegen sich die Betrachter, löst sich die dreidimensionale Perfektion auf und die Flächigkeit tritt wieder hervor. Auch hier handelt es sich um ein Abbild, das nur für kurze Momente dem Original ähnlich ist. Der „Verrat“ dauert nur einen kurzen Augenblick, dann sehen wir, dass der Inhalt tatsächlich nur ein Bild ist, das keine falsche Fährte legen kann. Viele Assoziationsketten haben den Künstler zu dieser Arbeit bewogen: Zum Beispiel wurde sowohl das Stadtschloss als auch Schloss Sanssouci vom gleichen Architekten (Knobelsdorff) gebaut, beide Schlösser waren und sind jetzt wieder Highlights der Stadt, die sich großer Besucherströme erfreuen bzw. erfreuen werden.

In einem Leserbrief hieß es, dass beide Entwürfe keine Empathie für die Gestaltung erkennen ließen, doch das ist ein Irrtum. Beide künstlerische Werke spielen mit Traditionen, die auch früheren Schlossbauten immanent waren und die Wünsche vieler monarchistischer Bauherren prägten. In fast allen Schlössern wird mit dem Schaffen von illusionistischen Momenten, Räumen oder Situationen gespielt, es wurden Kopien berühmter Bauten, Skulpturen, Prunkdecken angefertigt, verkleinerte Nachbauten realisiert, mit ausgeklügelten und prächtigen Kulissenbauten herrschaftliche Feste ausgerichtet. In diesen Traditionslinien reihen sich die künstlerischen Arbeiten von Annette Paul und Florian Dombois ein. Sie haben aus diesen jahrhundertealten Konzeptionen für den Neubau des Landtages in Potsdam neue, zeitgenössische Antworten gefunden, die die historischen Parallelen weiterentwickeln und exakt für diesen Ort überzeugende Lösungen sind. Sowohl der Schriftzug an der Außenfassade als auch die kulissenhaften Pavillons im Innenhof stehen in einer kunsthistorischen Linie, die schon immer durch Kontraste, durch Widersprüche und Gegensätze Aufmerksamkeit erregt hat und deren Ziel die Irritation war und ist.

Die Kunst am Neubau ist zugleich eine Widerspiegelung und ein Teil der wechselhaften Geschichte des Potsdamer Schlosses und verweist mit ihrer positiven und humorvollen Konnotation in eine zuversichtliche Zukunft.

Kunst im öffentlichen Raum braucht hin und wieder etwas Zeit und Geduld der Betrachter. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass beide Kunstwerke in absehbarer Zeit nicht mehr wegzudenken sein werden, – so wie die Stuttgarter heute stolz auf „Die Liegende“ von Henry Moore sind und sie nicht mehr verstecken würden, wie sie es nach der ersten Aufstellung 1961 getan haben, so wie die „Nanas“ von Niki de Saint Phalle heute zu Hannover gehören, obwohl 1974 gegen ihre Aufstellung auf das heftigste protestiert wurde, so werden die „Zugabe“ und der Schriftzug „Ceci n’est pas un château.“ bald integraler Bestandteil des Neubaus, des Schlosses und der Stadt Potsdam sein. Sie erfüllen alle Ansprüche, die eine zeitgenössische Kunst in Verbindung mit einem zeitgenössischen Schloss erfüllen sollten. Und schließlich ist es – frei nach Magritte – nicht die Kunst und auch nicht das Schloss, sondern das, was den Inhalt ausmacht – nämlich die Politik des Landtages Brandenburg –, was beidem Bedeutung verleiht.

Zugabe - Auszug aus der Bewerbung zum Wettbewerb Florian Dombois

Wenn man sich heute ein preußisches Stadtschloss wiederaufbauen kann, von dem nach seiner Sprengung nichts übrig geblieben ist, warum dann nicht noch ein Weiteres dazu bauen?

[...] Zugabe besteht aus zwei Pavillons, die aus dem Zentraloval des Sanssouci-Schlosses abgeleitet und im Maßstab verändert wurden. Sie forcieren im Landtag die Nachbarschaft mit Potsdams touristischer Ikone, deren Zwillingsschwester das Stadtschloss ursprünglich einmal darstellte – das eine Sommer-, das andere Winterschloss und beide Male mit von Knobelsdorff als Architekt.

[...] Eine modernistische Adaptation der Rokokko-Architektur, illusionistische Pavillons, die je nach Blickwinkel immer unterschiedlich verbogene Ansichten ergeben. [...] Diese Verzerrungen haben für mich sowohl einen historischen als auch einen zeitgenössischen ikonografischen Bezug: Einerseits gibt es die Tradition der exquisiten Kulissenbauten insbesondere für royale Festanlässe (man denke nur an François Vatel im 17. Jahrhundert), bei denen die Bildperspektive auf die Betrachterposition des Herrschers ausgerichtet wurde; und andererseits habe ich mich länger mit perspektivischen Verzerrungen in Google Earth beschäftigt, aber auch mehrere Jahre im Kontext von Virtual Environments gearbeitet. Hier werden sämtliche plastische Körper als Volumen realisiert, über die eine zweidimensionale Textur gezogen wird.

Den meisten sind diese Effekte vertraut aus Computerspielen, auch wenn sie eher unterbewusst wahrgenommen werden: Immer wieder differieren die perspektivischen Details der Texturen vom Blickpunkt des Betrachters der virtuellen Volumen.

Das leitet mich zu einem weiteren Aspekt, der mich in meiner Arbeit seit Längerem interessiert: Site-specificness. Es mag kulturkritisch klingen, aber offensichtlich haben wir mit der Globalisierung heute einen Verlust von Ortsspezifik zu beklagen und das Alleskann-verschoben-werden aus der digitalen Realität hat sich längst umfassend in unserer Lebens- und Vorstellungswelt
eingeschrieben. Dass man neben Lascaux noch einmal Lascaux aufbaut, um anschließend in einer digitalen Animation durch die Höhle zu surfen, überrascht niemanden mehr, sondern gehört zum alltäglichen Bewegungsraum.

Blick von der Dachterrasse in den Innenhof des Landtages mit den beiden Pavillons.Blick von der Dachterrasse in den Innenhof des Landtages mit den beiden Pavillons.

Interessanterweise hat diese Lust am Verschieben aber schon ältere Wurzeln: Man denke nur an Venedig in Las Vegas, Disney in Paris, Versailles auf Herrenchiemsee oder eben Arkadien in Potsdam. Aus einer ehemaligen Geste der Sehnsucht ist heute eine postfordistische Beliebigkeit geworden, die eben nicht mehr aus einem Import des Fremden ins Hier gezeichnet ist, sondern der gleichzeitigen Verfügbarkeit fern und naheliegender Objekte dient. Wie die Inhalte des Webs, so werden ständig Dinge von Irgendwo nach Irgendwo verschoben, und nicht nur die Herkunft, sondern auch das Jetzt der Konsumation erscheinen ortlos. Gepaart damit ist auch die Anzahl beliebig geworden, wir erwarten in unserer Umgebung, dass sich Dinge beliebig vervielfältigen lassen – ctrl + x dann ctrl + v –, limitiert allein durch das zu Handen stehende Budget.

Eine zweifache Replik eines Schlossdetails aus 1.8 km Entfernung ist insofern Ausdruck heutiger Lebensphilosophie. Auf diesen Erfahrungen baut Zugabe auf und konstruiert in der Bildvorlage der Pavillonscheiben eine unmögliche Ansicht: so wurde u.a. die Traufkante heruntergezogen, die seitlichen Eingänge gestaucht, Senkrechten einzeln begradigt usw. Ein Vexierspiel der Ansichten, das sich mit derjenigen des Betrachters vor Ort überlagert und trotz einer in den Bildteilen perspektivischen Richtigkeit insgesamt eher wie eine mittelalterliche Tafel operiert, denn wie ein zentralperspektivisches Renaissancegemälde.
Dass die Anzahl gleichzeitig möglicher Perspektiven immer auch einer politischen Haltung entspricht, sei hier zumindest erwähnt.

[Ergänzung] Zugabe wurde in Aluminium ausgeführt. Auf einem Ständerwerk wurden dazu von zwei Schlossern laser-geschnittene Aluminiumplatten vernietet, geschweißt und beigeschliffen. An den Stirnflächen der Wandscheiben wurde das Aluminiumblech entsprechend von Hand gekantet, angepasst und geschweißt. Auf die Hauptflächen wurde das digital bearbeitete Vorlagenfoto von zwei Theatermalern insgesamt achtmal aufgemalt (in verschiedenen Größen, Spiegelungen und Stauchungen). Für die Bodenfläche wurde Postaer Bildhauersandstein aus Sachsen verwende.

[...] Trotz der historischen Tradition royaler Illusionsbauten und der Pavillonmode des europäischen Absolutismus ist Zugabe in seiner Ausführung ein klar zeitgenössisch datierbarer Entwurf, der explizit mit dem Wechsel zwischen analogen und digitalen Displays arbeitet und damit ohne neueste Technologien und die heutige Medienrealität nicht denkbar wäre. In folgenden Punkten im Grunde antithetisch zum Schlossneubau simuliert Zugabe das historische Volumen über ein Innenkreuz, realisiert die Reproduktion durch deren Vervielfachung und setzt auf eine auf das Einzelstück zielende Handwerklichkeit.

Verortung im Œuvre

In meinen bisherigen Arbeiten habe ich vordringlich mit Klang und Vibrationen gearbeitet, die ich auf der Zeitachse gestaucht und gedehnt habe. Seit einiger Zeit nun beschäftige ich mit Fragen zu Skalierung und Größe (Scale and Size) auch in anderen Medien und habe neben der Arbeit an Zugabe, die diese Fragen ja explizit thematisiert, Untersuchungen zu Modellgrößen in Windkanälen begonnen. Dabei spielt neben der Atelierarbeit auch Forschung eine Rolle, und ich leite ein größeres Projekt, das vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert wird („Size Matters – Zur Maßstäblichkeit von Modellen“), u. a. mit der ETH Zürich (wohin ich 2012 – 13 als künstlerischer Fellow des Collegium Helveticums berufen wurde) und dem MIT Cambridge als Projektpartner. Damit erweitert sich der Horizont für Zugabe hier auch noch in die Modell- und Kunsttheorie hinein.

Datenblatt

Aufbau der Pavillions im Innenhof des Landtages Brandenburg.Aufbau der Pavillions im Innenhof des Landtages Brandenburg.Titel: Zugabe

Künstler: Florian Dombois

Jahr der Installation: 2014

Maße: 6.80 x 7.05 x 5.85 m und 5.10 x 5.29 x 4.39 m

Ort: Innenhof des Landtags Brandenburg/Stadtschloss Potsdam (D)

Material der 2 Skulpturen: Ständerwerk mit Aluminiumplatten beplankt und von Hand bemalt, Natursteinboden (Postaer Bildhauersandstein)

Mitarbeitende:
Architektonische Begleitung: Elisabeth Lux
Produktionsleitung: Christian Kommer, m.o.l.i.t.o.r. GmbH
Fotografin: Daniela Friebel
Schlosser: Michael Müller, Christian Hess, ferrotec GmbH
Maler: Frank Born, Michael Lenz
Beton- und Erdbau: Frank Heuschkel, Peter Palm, Normen Mielke
Schalungsbauer: Fredy Spitzer, Karl-Heinz Lindemann
Bewehrung/Eisenflechter: Gerd Steiner, Ulf Steiner, Tonia Steiner
Ansprechpartner Steinbruch: Uwe Jahr, Sächsische Sandsteinwerke Pirna
Steinmetz: Alexander Reichelt, Sabine Niepagen
Statiker: Rüdiger Jockwer, Jean-Jacques Paal (Bearbeiter)
Prüfstatiker: Josef Seiler, Jens Abel (Bearbeiter)
Rechtsberatung: Andreas Schoberth
Versicherungsberatung: Susanne Haid
Photoediting für Wettbewerb: Lutz Wendenburg
Modellbau für Wettbewerb: Dieter Cöllen

Interview Florian Dombois

Florian DomboisFlorian Dombois1. Was waren Ihre Beweggründe, am Wettbewerb teilzunehmen?

Die Ausschreibung wurde mir von Schirin Kretschmann geschickt, einer Künstlerkollegin aus Berlin, weil ich ihr erzählt hatte, dass ich mich im Kunst-am-Bau engagieren wolle. Der Fall Stadtschloss ist komplex, komplexer als das Konzept der architektonischen Lösung, eine neue Fassade nach altem Vorbild zu errichten. Das hat mich gereizt.

2. Was waren die größten Herausforderungen während des Entstehungs- und Umsetzungsprozesses?

Die stete Weiterentwicklung und Anreicherung meiner Anfangsidee. Die vielen materialen Details, die sowohl handwerklich hochstehend, als auch inhaltlich intelligent gelöst werden wollten.

3. Was wünschen Sie Ihrem Kunstwerk für die nächsten Jahre?

Dass die Betrachter nicht darüber herfallen werden, sondern die vielen Fragen ernst nehmen. Es gibt für das Schloss und seinen Ort keine einfache Lösung. So wie es für die deutsche Geschichte keine einfache Lösung gibt. Potsdam hat eine Geschichte des Schreckens zu verarbeiten. Aber das geschieht nicht durch schöne Fassaden alleine. Ich wünsche mir, dass Potsdam seine ganze Geschichte bewahren und aushalten kann, um daraus die eigenen, integrierenden Lösungen zu formulieren. Und dass jeder, der sich selbst bei der Rechthaberei ertappt, einen Moment der Stille walten lässt.

Interview Annette Paul

Annette PaulAnnette Paul1. Was waren Ihre Beweggründe, am Wettbewerb teilzunehmen?

Ich lebe in Potsdam und habe die Debatten über die Wiedererrichtung des Stadtschlosses mit großem Interesse verfolgt. Eine meiner Arbeitsstätten sind die Schlösser und Parkanlagen, in denen ich mit Enthusiasmus Gäste für die Schönheit des friderizianischen Rokoko begeistere. Es konnte für mich also keine größere und spannendere Herausforderung geben, als mich auf einen Spagat zwischen zeitgenössischen Ideen und historischem Äußeren einzulassen, und die Thematik einer Fassadenarchitektur, die in Potsdam traditionell bekannt ist, mit Witz und Raffinesse zu betonen, ohne sie zu verstören. Ich wollte etwas schaffen, das Schlossgegner und Befürworter schmunzeln lässt.

2. Was waren die größten Herausforderungen während des Entstehungs- und Umsetzungsprozesses?

Der langwierigste Vorgang war der Abschluss des Vertrags mit all den Versicherungs- und Organisationsfragen. Auch die Abstimmung mit den vielzähligen Ansprechpartnern der verschiedenen Institutionen auf der Baustelle war eine zeitintensive Herausforderung. Durch die leichte Verzögerung der Bauübergabe kamen wir mit dem Anbringen der Lettern und das Vergolden in das unstete Herbstwetter. Die Rüstung wurde ordentlich vom Wind geschaukelt und so manche Vergoldungsstunde fiel buchstäblich ins Wasser bei Regen. Aber den Fertigstellungstermin konnten wir mit strenger Zeiteinteilung dennoch halten.

3. Was wünschen Sie Ihrem Kunstwerk für die nächsten Jahre?

Möge es lange gülden strahlen, die Blicke auf sich ziehen und Fragen entstehen lassen. Und möge es noch weitere Kreise ziehen mit Fragen nach Schein und Sein. Möge es dann Lächeln in die Gesichter zaubern, wenn Potsdamer ihren Gästen das Schloss zeigen, das keines ist.

Ohne Titel - Annette Paul

Dies ist kein Schloss. Diese Behauptung zitiert die Frage nach Schein und Sein, sowie von Abgebildetem und Nachgebildetem. René Magritte stellte sie 1929 mit dem Schriftzug „Ceci n´est pas une pipe“ auf dem Bild einer Pfeife. Diese Infragestellung der Bilder ergriff Künstler, Kunsthistoriker und Philosophen gleichermaßen. Der Schriftzug hinterfragt.

Französisch. Gehasst von Friedrich Wilhelm I. Geliebt von dessen Sohn Friedrich II. Der eine schaffte alles Französische in Preußen ab, um seinen Staat zu sanieren, und er schaffte es. Der andere baute auf allem Französischen auf, um Preußen zu einer Kulturblüte zu verhelfen und er vermochte es.

Am Anfang war die Pfeife. Hier zuerst die des Soldatenkönigs, die er in seinem Tabakskollegium rauchte. Die einzige Mußezeit, die er sich gönnte, Pracht und Glanz verachtend.

Das Potsdamer Stadtschloss bewohnte er als Feldherr, Kommandeur und Gouverneur seiner frischen Garnisonstadt. Es war kein Palais des Repräsentierens, der Empfänge oder gar seiner Familie. Er befehligte seine Garde und ließ die preußische Armee aufmarschieren. Damals entstand das, was man noch heute für typisch preußisch erachtet. Französische Moden durften draußen bleiben. Sein Wohnsitz war nur ein Ort des Befehlens. Kein Schloss.

Sans, Souci. Dann kam der Sohn. Friedrich II., der alles Französische aufsog und verfeinern ließ nach seiner Manier. Der schwelgte in Prunk und Pracht, in seinem Rokoko. Nachdem sein Architekt Knobelsdorff dem Stadtschloss letzten Schliff gegeben hatte, verbrachte er die kalte Zeit hier. Im Sommer allerdings war er Musiker in Sans, Souci. Als Philosoph, Frühaufsteher, Kunstförderer und Musiker. Das Lustschloss thronte auf dem Weinberg und war die eigentliche Repräsentanz des Königs und zum Prahlen gab es das Neue Palais. Was würde der grämliche Alte Fritz wohl zum Wiederaufbau des Stadtschlosses heute sagen?

Dekadenz. Prächtig kommt nun dieser güldene Schriftzug daher. Hinter den Schlossmauern aus Gießbeton wird auch künftig nicht gethront, sondern getagt. Ein Schloss, für einen Landtag errichtet. Wer hätte 1848 davon zu träumen gewagt? Schlösser stürmen war ein Gedanke, Schlösser bauen sicherlich nicht.

Schriftzug "Ceci n´est pas un château." am Landtagsneubau.Schriftzug "Ceci n´est pas un château." am Landtagsneubau.

Abbild. Wir werden nach dem Wiederaufbau mit dem Bild des Schlosses zu tun haben, auch wenn es sich diesmal um ein dreidimensionales Abbild handelt, sogar betretbar. Neu geschaffen in den Grenzen seiner ursprünglichen Erscheinung, diskussionswürdig und mittendrin wird es die neue alte Mitte Potsdams markieren.

Gold. Schein und Sein. Hier scheint es einmal mehr. Vom Golde her. Das Blattgold ist gleichsam Farbe, Material und Werterhalt. Die wetterbeständige Ölvergoldung wird lange auf dem rötlichen Farbton des Putzes glanzvoll zur Geltung kommen (am Chinesischen Haus wurde vor 20 Jahren letztmalig vergoldet, und es ist heute noch wunderbar erhalten). Es ist noch schön, wenn es bereits vergeht und Vergänglichkeit an sich ablesen lässt.

Strahlen von Osten. Wie die aufgehende Sonne hinter Friedrichs Grab auf dem Weinberg ganz im Osten. Wie die Sonnen an den Pavillons in Sanssouci soll auch hier das Strahlen des Goldes, das Licht einfangen und weich ableiten. Ein sorgloses Strahlen. Den schönen Schein richten die Buchstaben auf die Betrachter, wenn das goldene Licht warm und weich auf sie fällt. Der Raum des Schlosshofs wird definiert über die Sonne, wenn man gen Osten blickt, wo es leuchtet. Durch das wandernde Licht der Sonne sich verändernd. Zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.

Ceci n´est pas un château. Das Schloss wird ein wahrhaft Erbautes sein. Ein Schloss?

Datenblatt

Anbringung des Schriftzuges "Ceci n´est pas un château."Anbringung des Schriftzuges "Ceci n´est pas un château."Titel: Ohne Titel

Künstlerin: Annette Paul

Jahr der Installation: 2013

Maße: Gesamtlänge 7,5 m; kleine Buchstaben 22 cm hoch, Großbuchstaben bis zu 80 cm hoch; Schriftgrad ges. 1, 23 m

Ort: Außenfassade Westflügel des Landtags Brandenburg

Material und Konstruktion:
Die Stuckbuchstaben wurden in Ton modelliert, mit Silikonkautschuk (Reckli) abgeformt und in Betonestrich B25 mit Zusatz von industriellen Schweineborsten (Ötzel) ausgegossen.
Nach Fertigstellung wurden die Silikonkautschukformen mit Gips ausgegossen, um die Formenzu erhalten, und eingelagert. Mithilfe eines 1 : 1 Ausdrucks des Schriftzugs, der gerädelt worden war, wurde mit rotem Pigment der Schriftzug auf die Fassade übertragen. Anschließend wurden die Buchstaben auf dem aufgerauhten Untergrund mit Fliesenkleber flex (Supro) angeklebt und teilweise gedübelt. Unter dem ersten ‚n‘ befindet sich ein Gerüstanker.

Mit Beton-Feinspachtel B10 (Ardex) wurde schließlich verfugt und somit eine Verbindung zur Wand hergestellt. Das Ganze wurde geschliffen und für die Vergoldung vorbereitet.

Vergoldung – alle Flächen wurden mit Leinöl-Halböl vorbehandelt, um die Saugfähigkeit des Trägermaterials zu minimieren. Danach wurde gelb eingefärbter Kunstharz-Alkyd-Lack als Voranstrich verwendet, einen Tag später mit gelbem Kunstharz-Alkyd-Lack (Hochglanzlack Alkyd 840, aromatefrei) Farbton gelb gestrichen.
Zur Fett- und Staubabnahme wurden die Flächen mit Terpentin-Ersatz abgerieben und mit 12 Stunden Mixtion ca. 2/3 der Flächen angelegt. An den darauffolgenden Tagen wurde der Rest angelegt und mit 24 Karat Naturgold (Transfer) der Dresdner
Blattgoldschlägerei Liebscher vergoldet.

Mitarbeitende:
Stuckbuchstaben und Anbringung: Stuckateursfirma Pauli und Ebell Stuckgeschäft, Nuthetal
Vergoldung: Restaurierungswerkstatt Seifert, Potsdam
Gerüst: Firma Gerüstbau Rosenfeld

Kontakt

Landtag Brandenburg
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Ulrike Rüppel
Alter Markt 1
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